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Sprachentwicklung und deren Störungen

Was ist eine Sprachentwicklungsstörung?

Sprachentwicklungsstörungen (SES) betreffen die gesamte Kommunikation, das Sprachverständnis, den Wortschatz sowie die Laut-, Wort- und Satzbildung. Bei einer SES sind also oft mehrere Bereiche gleichzeitig betroffen. Ein zu geringer Wortschatz kann beispielsweise zur Erschwerung der SES beitragen, weil der Erwerb grammatischer Regeln wie z.B. die Verbbeugung (ich singe, du singst, er singt ...) voraussetzt, dass dem Kind genügend Wörter zum Üben der Regeln zur Verfügung stehen. Die Störungen des Lauterwerbs und der Lautbildung, des Wortschatzes und der Grammatik können aber auch isoliert auftreten.

Ursachen von SES

Eine SES tritt oft schon zu Beginn oder während der Entwicklung eines Kindes auf und wird häufig z.B. durch eine Hörstörung, Behinderungen oder auch langanhaltende Mittelohrentzündungen zum Zeitpunkt der sprachsensiblen Phase (im 2. und 3. Lebensjahr) verursacht. Manchmal ist jedoch auch keine eindeutige Ursache erkennbar.

Wie oft tritt SES auf?

Eine SES tritt sowohl bei einsprachig als auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern auf. Bei mehrsprachigen Kindern zeigt sich die Störung dann in allen erworbenen Sprachen.

Für den angelsächsischen Sprachraum wird davon ausgegangen, dass zwischen zwei und 15 Prozent der Kinder eine Form von SES haben. Schwere Störungen sollen bei etwa ein Prozent der Kinder auftreten. Jungen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Für Deutschland liegen derzeit zur Ermittlung des Auftretens von SES nur wenige, meist regionale und auf Daten von Kindergarten- und Schulerhebungen beruhende Untersuchungen vor. Insgesamt werden aber auch hier in Abhängigkeit vom Erhebungsverfahren und der Definition Mengen von sechs bis 15 Prozent angegeben. ?

Diese Zahlen sind sehr variabel, aber auch relativ hoch. Daher kommt der Früherkennung der SES eine besondere Bedeutung zu. Im Rahmen der pädiatrischen Vorsorgeuntersuchungen (http://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/frueherkennung-u1-u9-und-j1/untersuchungen-u1-bis-u9/die-untersuchungen-u1-bis-u9/ ) kann mit Hilfe von Elternfragebögen ab dem 2. Lebensjahr das Risiko für eine Störung eingeschätzt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind ca. 35 Prozent aller Kinder „Spätsprecher“ („Late Talker“). Die Hälfte dieser späten Sprecher holt den Rückstand bis zum 3. Lebensjahr auf („Late Bloomer“). Wird ein Risiko für eine SES festgestellt, wird mit Hilfe von Testverfahren und einer informellen Einschätzung der gesprochenen Sprache eines Kindes eine Sprachdiagnostik durchgeführt, auf deren Grundlage entschieden werden kann, ob das Kind eine behandlungsbedürftige SES hat oder nicht.

Wie wird eine SES festgestellt?

Im Rahmen der logopädischen Untersuchung wird mit den Eltern ein Anamnesegespräch geführt, um eine Einschätzung zur allgemeinen Entwicklung, zu besonderen Ereignissen im Leben des Kindes (z. B. Krankenhausaufenthalte) und Sozialkontakten sowie der bisherigen sprachlichen Entwicklung des Kindes zu erhalten. Dies erlaubt einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen des Kindes, die bei der Therapieplanung berücksichtigt werden.

In einem Freispiel oder Gespräch wird dann zunächst der Kontakt zum Kind aufgebaut. Gleichzeitig erlaubt die Gesprächs-/ Spielsituation auch eine Einschätzung der sprachlichen Fähigkeiten, d.h. wie das Kind in Kontakt zur Untersucherin tritt, Laute ausspricht, welche Wörter und Äußerungen es verwendet, wie weit die Grammatik entwickelt ist... u.v.m.

Je nach Vertrautheit zwischen Kind und Therapeutin kann bereits in der ersten Stunde eine Überprüfung mit einem Sprachentwicklungstest durchgeführt werden. Screenings werden immer dann eingesetzt, wenn ein Testverfahren nicht geeignet ist, die spezifischen Probleme des Kindes zu erfassen oder kein Test für die zu untersuchende Situation vorliegt.

Wie wird eine SES behandelt?

Kennzeichen logopädischer Kindertherapie ist das prozessorientierte Vorgehen. Alle Kinder befinden sich zum Zeitpunkt der Therapie noch in der Entwicklung, d.h. ihre (sprachlichen) Fähigkeiten verändern sich fortlaufend. Die Therapeuten passen die Behandlung diesen Veränderungen an und orientieren sich dabei am Entwicklungsstand des Kindes.

In der Kindertherapie wird entweder direkt, indirekt oder in Kombination von direkten und indirekten Methoden mit dem Kind gearbeitet.

  • Indirekt bedeutet, dass die Arbeit mit dem Kind im Spiel erfolgt, d.h. dem Kind ist nicht bewusst, dass eine Störung vorliegt. Der Therapeut erarbeitet die sprachlichen Strukturen, indem er sie dem Kind anbietet und im Spiel deren Verwendung verdeutlicht.
  • Das direkte Vorgehen ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind genau weiß, worum es geht, und bewusst mitarbeitet.

Relativ häufig wird die Therapie mit Hilfe indirekter Methoden (z.B. "Inputspezifizierung") begonnen, weil die Kinder wegen eines Störungsbewusstseins eine direkte Arbeit am Problem sonst zunächst verweigern würden. Lässt das Kind ein direktes Vorgehen (z.B. in Form von Übungen) zu, kann dies die Therapie beschleunigen. Insgesamt wird jedoch oft spielerisch vorgegangen, weil Kinder grundsätzlich gut im Spiel lernen.

Wichtig für eine erfolgreiche logopädische Therapie sind häufige Wiederholungen des zu lernenden Verhaltens. Deswegen erhalten die Kinder oft Spiele oder Übungen für zu Hause, damit sie das in der Therapiestunde Erlernte möglichst schnell gefestigt wird.

Was tun beim Verdacht auf eine SES?

Eltern, die sich Sorgen wegen der sprachlichen Entwicklung ihres Kindes machen, sollten sich auf jeden Fall beraten lassen, entweder von ihrem Kinderarzt oder von einer Beratungsstelle, wie z.B. Sozialpädiatrische Zentren, Frühförderstellen. Ebenso bieten bieten diverse Flyer der oben genannten Beratungsstellen und Berufsverbände von Sprachtherapeuten oder auch die Informationen auf der Webseite www.sprich-mit-mir.org eine erste Hilfe und sinnvolle Informationen.

Eine behandlungsbedürftige SES wird durch die gesetzlichen und privaten Krankenkassen finanziert. Hierfür stellt der Arzt ein „Rezept“ für Logopädie/ Sprachtherapie – meist für vorerst 10 Therapieeinheiten – aus. Vermutet der Arzt eine allgemeine Entwicklungsverzögerung stellt er eine Überweisung an ein Sozialpädiatrisches Zentrum oder eine Frühförderstelle aus und bittet um deren Diagnostik und Mitbehandlung. Und manchmal ist für Kinder auch schon hilfreich, genügend Sprachinput zu bekommen, z.B., wenn Kinder erst wenige Tage oder Wochen in Deutschland sind und die deutsche Sprache erst lernen müssen.