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Informationen über die Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden anstelle des Begriffs „Mehrsprachigkeit“ oft auch die Wörter „Zweisprachigkeit“ oder „Bilingualismus“ verwendet. Bei zweisprachig aufwachsenden Kindern ist damit gemeint, dass zwei Sprachen zur gleichen Zeit erworben werden: Bilingual oder multilingual aufwachsende Kinder lernen also die Laute, die Wörter und die Grammatik von mindestens zwei unterschiedlichen Sprachen zeitgleich.

Generell gilt hierbei: Kinder, die bis zum Zeitpunkt des Erwerbs der deutschen Sprache eine normale sprachliche Entwicklung in ihrer Muttersprache (z.B. Türkisch, Chinesisch oder Russisch) durchlaufen haben, zeigen in der Regel keine Probleme mit dem Zweitspracherwerb. Mehrsprachigkeit stellt also gewöhnlich kein Problem dar, sondern kann sich eher unterstützend auf die kognitive Entwicklung der Kinder auswirken.

Der Erwerb mehrerer Sprachen gleichzeitig oder auch nacheinander ist zwar bei jedem Menschen unterschiedlich, weist aber bestimmte typische Kennzeichen auf:

  • Asynchronität des Verlaufs der Sprachentwicklung in den beiden Sprachen:Damit ist gemeint, dass die sprachliche Entwicklung im Falle von Bilingualität in einer Sprache manchmal schneller verläuft als in der anderen.
    Beispiel: "Thomas fährt Fahrrad" ABER „Thomas riding" -Während im deutschen Satz das Verb bereits gebeugt wird, ist dies im Englischen noch nicht der Fall. Daher befindet sich das Kind in den beiden Sprachen in zwei unterschiedlichen Entwicklungsphasen.
  • gute metasprachliche Fähigkeiten: Der Spracherwerb verläuft in der Regel nicht langsamer als bei Kindern, die einsprachig aufwachsen. Unter Umständen kann sich der Erwerb der einen Sprache sogar beschleunigend auf den Erwerb einer anderen Sprache auswirken. Die Kinder wissen oft schon sehr früh, dass sie unterschiedliche Sprachen erlernen und teilen dies auch mit.
    „Beispiel: Mutter: "Miss Schmidt has told me that they performed a 'Kasperletheater“ today'" Kind: "Du meinst eine "Punch and Judy show", ode Dem Kind ist bewusst, dass in der Kita (Miss Schmidt) eine andere Sprache gesprochen wird als zu Hause (direktes Zitat von der Homepage des dbl e.V.)“
  • Mischäußerungen:?Während des Spracherwerbs kommt es zu Mischäußerungen, die Kinder sprechen also in einer Art Mix aus Wörtern der verschiedenen Sprachen.
    Beispiele: "Er fährt mit die car". Das Kind setzt ein Hauptwort aus der Erstsprache ein, weil wahrscheinlich das Wort im Deutschen noch nicht bekannt ist.
  • Interferenzen:?Beim Erwerb des Deutschen als Zweitsprache kommt es zu ganz typischen "Fehlbildungen". Dabei werden Regeln von der einen Sprache in der anderen Sprache angewendet:
    Beispiele: Verwechslung des Geschlechts, z.B. "die Fahrrad", fehlerhafter Gebrauch von Präpositionen: "bei die Baum" (statt: am Baum).

Ein normal entwickeltes Kind kann Mischäußerungen und Interferenzen (siehe oben) jedoch im Laufe der Entwicklung entweder alleine oder aber mit Hilfe von geringer Förderung bewältigen. Kann es dies nicht, handelt es sich nicht um ein Merkmal der Mehrsprachigkeit, sondern um eine Sprachstörung, die untersucht werden sollte.

Ein Kind wird, egal ob es eine oder mehrere Sprachen erwirbt, immer von ähnlichen Verhaltensweisen Erwachsener zur Unterstützung der eigenen Sprachfähigkeit profitieren. Dabei sind die Art und Weise (Qualität) und die Menge (Quantität) des Inputs beim Erwerb mehrerer Sprachen von besonderer Bedeutung.

  • Qualität bedeutet hierbei, dass Eltern, Erzieher und andere Interaktionspartner, wie z.B. Verwandte oder Freunde, in der Sprache zu einem Kind sprechen, die sie am besten beherrschen, also in Ihrer Muttersprache. Ein Kind, das zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts noch nicht die deutsche Sprache spricht und den Spracherwerb der Erstsprache noch nicht abgeschlossen hat, sollte auf jeden Fall darin unterstützt werden diesen abzuschließen. Seine Eltern sollten also weiterhin in ihrer Muttersprache mit ihm sprechen.
  • Quantität bedeutet, dass ein Kind möglichst häufig die Sprachen anwenden kann und soll, die es erwirbt. Mehrsprachig aufwachsende Kinder sollten deshalb in einen Kindergarten, eine Spielgruppe, in den Sportverein o.Ä. gehen. Voraussetzung ist allerdings, dass die deutsche Sprache dort entsprechend präsent ist, d.h. deutschsprachige Kinder und Erwachsene ein "Sprachbad" in der deutschen Sprache ermöglichen. Dann können die mehrsprachigen Kinder hier die deutsche Sprache im Spiel und in der Interaktion mit den anderen relativ mühelos erlernen. Optimal sind Einrichtungen, in denen sowohl die bis dahin erworbene Sprache, z.B. Türkisch, als auch die deutsche Sprache angeboten wird.

Stand der Forschung zum Thema Mehrsprachigkeit:

  • Der Spracherwerb von Kindern - ob ein- oder mehrsprachig - ist von der Qualität und Quantität des Inputs abhängig. Mit anderen Worten: Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Ansprache, in der Regel durch die Eltern. Dabei ist es wichtig, dass die Eltern die Sprache, in der sie mit ihren Kindern sprechen, gut beherrschen.
  • Alle Kinder brauchen gute Sprachkompetenzen in ihrer Erstsprache. Dies ist die Basis für den Erwerb weiterer Sprachen und somit für einen erfolgreichen Start in der Schule.
  • Der Besuch einer Kindertageseinrichtung (KITA) unterstützt die Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Wichtig ist aber auch die sprachliche Qualität der Erzieher und die Notwendigkeit, die deutsche Sprache in der KITA zu gebrauchen. Ideal sind Einrichtungen, in denen sowohl Erzieher arbeiten, deren Muttersprache Deutsch ist als auch Erzieher mit der Muttersprache der mehrsprachigen Kinder.
  • Die Beratung von Eltern mehrsprachiger Kinder ist effektiver, wenn sie die jeweiligen kulturspezifischen Besonderheiten berücksichtigt.
  • Mehrsprachig aufwachsende Kinder lernen ihre Sprache(n) nicht generell langsamer als Kinder, die nur eine Sprache erwerben. Unter Umständen beschleunigt die Mehrsprachigkeit sogar den Spracherwerb.

Mehrsprachigkeit ist keine Ursache für Sprachentwicklungsstörungen. Mehrsprachig aufwachsende Kinder können wie monolingual aufwachsende Kinder von einer Sprachentwicklungsstörung betroffen sein. Sie zeigt sich dann in allen Sprachen, die das Kind erwirbt.

 

Die Informationen zur Mehrsprachigkeit wurden aus Presseinformationen zum Tag der Logopädie 2014 auf der Homepage des dbl e.V. (http://www.dbl-ev.de/service/eu-tag-der-logopaedie/2014/mehrsprachigkeit-was-ist-das.html; Zugriff: 05.03.2014) sowie eigenem Informationsmaterial der Logopädischen Praxis für Logopädie des Städtischen Eigenbetriebs der Stadt Leipzig zusammengestellt.